Wie relativ ist die Relativzahl (der Sonnenflecken) ? (Nov. 2000)

von Peter Sterzinger

Wer halbwegs regelmäßig die Sonnenflecken beobachtet, bestimmt die Wolf´sche Relativzahl R. Diese Maßzahl steht in der Astronomie einzigartig da, weil sie so simpel und nicht gerade überzeugend logisch ist. Eigentlich nur als Kompromisslösung zwecks Aufarbeitung alter Beobachtungen erfunden, hat sie sich nachträglich bestens bewährt und wurde beibehalten. Es lohnt sich, Interessantes zur kritischen Auseinandersetzung damit, zu anderen Maßzahlen (etwa Flächenbestimmung), sowie zur Geschichte der Fleckenzählung nachzulesen.

Wegen der Abhängigkeit der Beobachtung vom verwendeten Fernrohr, dem Seeing, der Trennung eng benachbarter Gruppen, etc. ist es notwendig, einen individuellen Reduktionsfaktor k anzubringen. Dazu werden die eigenen Ergebnisse mit einem allgemein gültigen Leitwert verglichen. Als Norm gilt die Relativzahl des SIDC (Sunspot Index Data Center) in Uccle in Belgien. Vor 1981 war die Datenzentrale in Zürich zu Hause, bis 1975 unter der Leitung des "Fleckenpapstes" M. Waldmeier. Er hatte schon viel früher begonnen, seine buchstäblich maßgebenden Beobachtungen durch jene seiner Assistenten und anderer Observatorien zu ergänzen. Und heute wird die vom SIDC für jeden Tag publizierte Relativzahl aus den Ergebnissen zahlreicher über den Globus verteilter Observatorien ermittelt.

Als ich wieder einmal dabei war, meinen k-Faktor zu überprüfen, wurde mir erstmals die Schwierigkeit klar, Ergebnisse verschiedener Beobachtungstermine aus aller Welt zusammenzuführen. Wie schnell sich R tagsüber ändern kann - wegen der Zehner-Gewichtung der Gruppen oft sprunghaft - ist ja augenfällig. Wie also "macht" man diese international anerkannte Normzahl beim SIDC? Das wollte ich nun genau wissen, konnte jedoch weder in der Literatur, noch bei Fachastronomen eine Antwort finden. Also wandte ich mich an den Leiter des SIDC, P. Cugnon. Seine prompt erfolgte Antwort sei hier zusammengefasst:

Die Reduktion auf einen bestimmten Zeitpunkt wäre nur für die Fleckenpositionen sinnvoll, nicht aber für die Zählung.

Es wird mit einem täglichen Mittel gearbeitet, das eine Art 24 h -Glättung darstellt. Aber zunächst werden alle ein- langenden Ergebnisse an jenen von Locarno kalibriert. ("rescaled"), was den Effekt der 24h-Glättung limitiert.

Europäische Stationen sind im SIDC-Netz überdurchschnittlich repräsentiert, also wird der geglättete Wert durch entsprechend höhere Gewichtung der enger beisammen liegenden europäischen Beobachtungstermine korrigiert.

P. Cugnion ist bewusst, dass stündliche Variationen so unter den Tisch fallen müssen. Aber die Relativ-zahl soll mehr ein gewichtetes Tagesmittel sein als eine auf einen bestimmten Zeitpunkt fixierte Zählung. Das hat sich als für alle Zwecke geeignet herausgestellt, auch für die Untersuchung kleiner Periodizitäten.

Also ein komplexer Kompromiss in jeder Hinsicht, aber ganz offenbar ein kluger, der sich wissenschaftlich bewährt hat - ganz so wie die 1856 von Wolf erstmals vorgestellte Methode der Fleckenzählung selbst...

Dr. Peter Sterzinger, Boltzmanngasse 12, A-1090 Wien
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