88 Jahre währte Max Waldmeiers Leben. Die letzten 15 Jahre war sein Sprachzentrum
durch einen Schlaganfall gelähmt, aber bis dahin war er ein unermüdlicher
Arbeiter. Über seine berufliche Laufbahn ist an anderer Stelle berichtet.
Die Eckdaten: 1935 Diplom, 1936 Eintritt in die Eidgenössische Sternwarte
Zürich als Assistent, 1937 Promotion, von 1945 bis 1979 Direktor der Eidgenössischen
Sternwarte und bis 1982 Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule,
20 Sonnenfinsternis-Expeditionen, ca. 300 Fachpublikationen, 10 Bücher,
die ersten 9 Jahre lang (1968 - 1977) Mitherausgeber von "Solar Physics",
Gründer der Observatorien in Arosa und Locarno.
Ich möchte hier zu seinem Gedächtnis einige Gedanken niederschreiben,
die beleuchten, wie sein Wirken auf die Amateurastronomie ausstrahlte.
Seine Vorgänger im Amt (seit 1855) Rudolf Wolf, Alfred Wolfer und William
Brunner beobachteten die Sonne und bestimmten die Relativzahl sowie die Zeitpunkte
der Minima und Maxima. Aber erst Waldmeier wertete die Originalzeichnungen vielschichtig
aus. Die durchschnittliche Entwicklung der Sonnenfleckengruppen führte
zum Waldmeierschen Klassifikationsschema A - J. Aus den unterschiedlichen Verläufen
der Zyklen leitete er die Waldmeierschen Gesetze ab. Kurz nach der Erfindung
des Koronographen durch Bernard Lyot setzte er auch die Ha-Beobachtung auf die
Tagesordnung der Sternwarte und schloß die Ergebnisse an die Beobachtungen
im Weißlicht an. Seine besondere Aufmerksamkeit richtete er dabei auf
die Korona, als ob er geahnt hat, dass die chromosphärischen Aktivitäten
mit ihr genauso eng verknüpft sind wie mit den photosphärischen. Er
führte eine Korona-Statistik, eine Protuberanzen-Statistik, schaute genauer
als seine Vorgänger und Zeitgenossen auf den Verlauf der Fackelaktivität,
untersuchte Polfackeln, hielt die Sonnenaktivität kontinuierlich auf 35mm-Film
fest, usw., usw., usw.
In nimmer endendem Fleiß schrieb er all seine Erkenntnisse nieder. Viele
populäre Bücher sind entstanden (z. B. "Sonne und Erde"),
aber auch ausgesprochen fachspezifische (z. B. seine beiden Bände "Die
Sonnenkorona"). Alle aber wurden getoppt durch das Standardwerk "Ergebnisse
und Probleme der Sonnenforschung". Jede Seite enthält auch heute noch
Anregungen zu eigenen Untersuchungen: eine Fundgrube!
Max Waldmeier hatte als internationale Koryphäe ein unverkrampftes Verhältnis
zu den Amateurastronomen. Seit den dreißiger Jahren ließ er die
Beobachtungen der DARGESO (unsere Vorgängerorganisation 1916 - 1965) in
die internationale Zürcher Fleckenstatistik mit einfließen, und auch
in späteren Jahren unterschied er dabei nicht zwischen Profi und Amateur,
jeder hatte halt seinen persönlichen k-Faktor.
Ab 1960 herum gewann die Sonnenphysik die Oberhand und verdrängte die statistischen
Untersuchungen aus dem Profilager. Diesem Trend folgte Max Waldmeier nicht mehr,
was ihn ziemlich allein dastehen ließ. Er galt als verschlossen und in
der Arbeit verbissen. Als ich 1972 meine eigene Protuberanzen-Statistik mit
seiner vergleichen wollte, sagte er zu, aber unter der Bedingung, dass mir das
Material nur persönlich in Zürich zur Einsicht zugänglich gemacht
würde. Ich traf einen freundlichen Herrn, der alle Fragen beantwortete,
dennoch hatte die Begegnung mehr den Charakter einer Audienz.
Unser Mitteilungsblatt SONNE bekam Max Waldmeier vom ersten Heft an zugeschickt.
In privater Korrespondenz äußerte er sich sehr positiv über
das Blatt. In den Anfangsjahren war er auch mit zahlreichen Beiträgen vertreten
- meist, wenn es um die Sichtung von Weißlicht-Flares ging, die er persönlich
als sehr, sehr selten einstufte. Auch nach seinem Schlaganfall belieferten wir
ihn weiterhin mit SONNE-Heften, leider seitdem ohne Echo, bis zum Schluß.
Jetzt trauern wir um den Dahingegangenen. Dennoch wird sein Gedankengut lange
in unseren Arbeiten weiterleben. Jan Olov Stenflo, sein Nachfolger im Amt an
der ETH, drückte das in seinem Nachruf so aus: Nach der Ära Waldmeier
wurde aus der Eidgenössischen Sternwarte das Institut für Astronomie.
Forschungsschwerpunkte sind solare Magnetfelder und die Untersuchung jener Phänomene,
die Max Waldmeier so zahlreich beschrieben hatte. In diesem Sinne hat er uns
einen Fundus hinterlassen, der uns noch lange beschäftigen wird.