Max Waldmeier
18.4.1912 - 26.9.2000

88 Jahre währte Max Waldmeiers Leben. Die letzten 15 Jahre war sein Sprachzentrum durch einen Schlaganfall gelähmt, aber bis dahin war er ein unermüdlicher Arbeiter. Über seine berufliche Laufbahn ist an anderer Stelle berichtet. Die Eckdaten: 1935 Diplom, 1936 Eintritt in die Eidgenössische Sternwarte Zürich als Assistent, 1937 Promotion, von 1945 bis 1979 Direktor der Eidgenössischen Sternwarte und bis 1982 Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, 20 Sonnenfinsternis-Expeditionen, ca. 300 Fachpublikationen, 10 Bücher, die ersten 9 Jahre lang (1968 - 1977) Mitherausgeber von "Solar Physics", Gründer der Observatorien in Arosa und Locarno.
Ich möchte hier zu seinem Gedächtnis einige Gedanken niederschreiben, die beleuchten, wie sein Wirken auf die Amateurastronomie ausstrahlte.
Seine Vorgänger im Amt (seit 1855) Rudolf Wolf, Alfred Wolfer und William Brunner beobachteten die Sonne und bestimmten die Relativzahl sowie die Zeitpunkte der Minima und Maxima. Aber erst Waldmeier wertete die Originalzeichnungen vielschichtig aus. Die durchschnittliche Entwicklung der Sonnenfleckengruppen führte zum Waldmeierschen Klassifikationsschema A - J. Aus den unterschiedlichen Verläufen der Zyklen leitete er die Waldmeierschen Gesetze ab. Kurz nach der Erfindung des Koronographen durch Bernard Lyot setzte er auch die Ha-Beobachtung auf die Tagesordnung der Sternwarte und schloß die Ergebnisse an die Beobachtungen im Weißlicht an. Seine besondere Aufmerksamkeit richtete er dabei auf die Korona, als ob er geahnt hat, dass die chromosphärischen Aktivitäten mit ihr genauso eng verknüpft sind wie mit den photosphärischen. Er führte eine Korona-Statistik, eine Protuberanzen-Statistik, schaute genauer als seine Vorgänger und Zeitgenossen auf den Verlauf der Fackelaktivität, untersuchte Polfackeln, hielt die Sonnenaktivität kontinuierlich auf 35mm-Film fest, usw., usw., usw.
In nimmer endendem Fleiß schrieb er all seine Erkenntnisse nieder. Viele populäre Bücher sind entstanden (z. B. "Sonne und Erde"), aber auch ausgesprochen fachspezifische (z. B. seine beiden Bände "Die Sonnenkorona"). Alle aber wurden getoppt durch das Standardwerk "Ergebnisse und Probleme der Sonnenforschung". Jede Seite enthält auch heute noch Anregungen zu eigenen Untersuchungen: eine Fundgrube!
Max Waldmeier hatte als internationale Koryphäe ein unverkrampftes Verhältnis zu den Amateurastronomen. Seit den dreißiger Jahren ließ er die Beobachtungen der DARGESO (unsere Vorgängerorganisation 1916 - 1965) in die internationale Zürcher Fleckenstatistik mit einfließen, und auch in späteren Jahren unterschied er dabei nicht zwischen Profi und Amateur, jeder hatte halt seinen persönlichen k-Faktor.
Ab 1960 herum gewann die Sonnenphysik die Oberhand und verdrängte die statistischen Untersuchungen aus dem Profilager. Diesem Trend folgte Max Waldmeier nicht mehr, was ihn ziemlich allein dastehen ließ. Er galt als verschlossen und in der Arbeit verbissen. Als ich 1972 meine eigene Protuberanzen-Statistik mit seiner vergleichen wollte, sagte er zu, aber unter der Bedingung, dass mir das Material nur persönlich in Zürich zur Einsicht zugänglich gemacht würde. Ich traf einen freundlichen Herrn, der alle Fragen beantwortete, dennoch hatte die Begegnung mehr den Charakter einer Audienz.
Unser Mitteilungsblatt SONNE bekam Max Waldmeier vom ersten Heft an zugeschickt. In privater Korrespondenz äußerte er sich sehr positiv über das Blatt. In den Anfangsjahren war er auch mit zahlreichen Beiträgen vertreten - meist, wenn es um die Sichtung von Weißlicht-Flares ging, die er persönlich als sehr, sehr selten einstufte. Auch nach seinem Schlaganfall belieferten wir ihn weiterhin mit SONNE-Heften, leider seitdem ohne Echo, bis zum Schluß.
Jetzt trauern wir um den Dahingegangenen. Dennoch wird sein Gedankengut lange in unseren Arbeiten weiterleben. Jan Olov Stenflo, sein Nachfolger im Amt an der ETH, drückte das in seinem Nachruf so aus: Nach der Ära Waldmeier wurde aus der Eidgenössischen Sternwarte das Institut für Astronomie. Forschungsschwerpunkte sind solare Magnetfelder und die Untersuchung jener Phänomene, die Max Waldmeier so zahlreich beschrieben hatte. In diesem Sinne hat er uns einen Fundus hinterlassen, der uns noch lange beschäftigen wird.

Peter Völker