EDITORIAL

Tempora mutant et nos mutamus in illis
von Peter Völker

Ich war immer schlecht in Latein, aber so oder so ähnlich lautet der Spruch, der uns mahnt: "Die Zeiten ändern sich, und wir wandeln uns mit ihnen." Das trifft in mehrerer Hinsicht zu.
Unser Beobachtungsobjekt hält uns weiterhin in Atem! Wir erleben ein langgestrecktes Maximum, das gegen alle Erwartungen noch anhält, obwohl die kühnsten Voraussagen es bereits zum Zeitpunkt der Sofi ´99 für möglich gehalten hatten. Jeder 11-Jahres-Zyklus hat eben sein eigenes Profil. Alle ähneln zwar einander, aber keiner gleicht den Vorgängern oder den nachfolgenden. Und das Wunderbare ist und bleibt, dass der Amateur diese Vorgänge mit bescheidensten instrumentellen Mitteln und sogar mit (geschützten) bloßen Augen verfolgen kann.
Zu den Wandlungen der Zeit und des menschlichen Lebens gehört ebenso, dass nichts ewig währt. So haben wir in diesem Jahr mehrere Todesfälle zu beklagen, unter denen drei uns besonders treffen. Mit Max Waldmeier ging ein Sonnenforscher von uns, der die statistischen Untersuchungsmethoden, nach denen wir heute noch arbeiten, praktisch bereits zur Vollendung ausgereift hatte. Paul-Otto Cziesla war eine der wichtigsten Persönlichkeiten unseres Mitteilungsblattes SONNE seit seinem Entstehen. Wenngleich von vielen unbemerkt, so war er dennoch bei allen SONNE-Lesern unmittelbar präsent: Er druckte fast zwei Jahrzehnte den (Text-) Innenteil des Heftes. Und Winfried Heinrich gar ging mit nur 42 Jahren von uns. Er war einer der fleißigsten Beobachter des Relativzahlnetzes mit oft 300 Beobachtungstagen pro Jahr. Allen dreien habe ich Nachrufe gewidmet, die Sie an anderer Stelle im Heft finden.
Mit erfreulicher Kontinuität laufen immer noch unsere jährlichen SONNE-Tagungen ab. Nach der verpfuschten Regenfinsternis wollte Petrus wohl wieder etwas gutmachen. Bei Kaiserwetter konnten die Tagungsteilnehmer die Sonne beobachten und abends im Freien essen und trinken. Die Sonnengruppe der Sternwarte Radeberg hatte zum 1. - 4.Juni nach Sörnewitz geladen. Bei reibungsloser Organisation lief ein Höhepunkt nach dem anderen ab. Wolfgang Lille ermöglichte einen Blick durch die neuen Coronado Ha-Filter, Harald Paleske stellte seinen Unigraphen vor, gekonnte Videos der Sofi ´99 liefen ab, und wir entdeckten gar einen wortgewandten Dichter, Thomas Wolf, noch keine 18 Jahre alt. Die Fachvorträge der Profis liefen da schon fast "nebenbei" ab. Eine Exkursion führte uns zur Sternwarte Radebeul, auf der wir altvertraute Freunde wie Achim Grünberg trafen, mit dem wir bereits 10 Jahre vor der Wende zusammengearbeitet haben. Noch einmal gilt es, Dank zu sagen für diese schöne Tagung, Dank an Thomas Grünberger und Martin Hörenz, aber auch an ihre Helfer Rico Hickmann, Christoph Smuda und Thomas Wolf.

Mehrere, z. T. einschneidende Neuerungen brachte die SONNE-Redaktionssitzung, die jeder Tagung am Himmelfahrts-Nachmittag voran geht. Mit dem SONNE-Heft 100 schließt die Kontaktadresse der VdS-Fachgruppe Sonne an der Wilhelm-Foerster-Sternwarte nach 25 Jahren ihre Arbeit ab. Betroffen davon sind die Funktion der Kontaktadresse selbst (Peter Völker), aber auch die des "Finanzministers" (Robert Hilz). Er überwacht den Zahlungsverkehr, bearbeitet Nachbestellungen und Anzeigen, sortiert die Posteingänge vor und leitet sie weiter. Die Kontaktadresse ist noch immer Sammelpunkt der meisten Listen des Relativzahlnetzes, soweit nicht bereits Daten elektronisch übermittelt werden. Ferner werden hier die Versandtaschen sowohl für SONNE als auch für das SONNE-Datenblatt adressiert, frankiert, bestempelt und weiter geschickt. Es hat sich bewährt, dass diese Aufgaben ein Team übernahm, welches sich regelmäßig trifft. Mein Vorschlag geht dahin, dass die Funktion möglichst eine regionale Sonnenbeobachtergruppe, die ihren Sitz an einer Sternwarte hat, fortführen sollte. Ich bitte Personen, die Interesse haben, die Kontaktadresse zu übernehmen - wie gesagt, möglichst zusammen mit der SONNE-Kontoführung -, sich bei mir zu melden. Ein Jahr ist noch Zeit, damit mögliche Kandidaten das in ihrem Verein besprechen können, aber das geht sehr schnell vorüber. Eigentlich sollte/n der/die Nachfolger zum Zeitpunkt der SONNE-Tagung 2001 feststehen. Ferner ist es von Vorteil, wenn er/sie VdS-Mitglied/er ist/sind.

Weiterhin war die Kontaktadresse bisher für die redaktionelle Fachgruppen-Mitarbeit am VdS-Journal für Astronomie zuständig. Das bedeutet nicht nur, eingehende Artikel zu koordinieren und zu redigieren, sondern auch gedankliche Konzepte zu entwickeln, wie sich denn die VdS-Fachgruppe Sonne überhaupt in das VdS-Journal einbringt. Eines steht fest: die großen, allgemeinverständlichen Übersichtsartikel über die Arbeit der Fachgruppe Sonne sind im VdS-Journal mit einer Auflage von 5000 (steigend) allemal wirksamer aufgehoben als in SONNE mit 320 Exemplaren. Die abschließenden Berichte für ein großes Publikum sollten weiterhin in Sterne und Weltraum (ca. 20 000) erscheinen. So war es ja auch einmal konzipiert: SONNE sollte ein Mitteilungsblatt sein, in dem laufende Arbeiten dokumentiert und diskutiert werden und neue Beobachtungsprogramme und -ideen vorgestellt und vorgeschlagen werden können - angereichert mit den Daten und laufenden Auswertungen aus den aktuellen Beobachtungen. So schließt sich ein wunderbarer Kreis: SONNE bleibt das "Arbeitsblatt", die Provisorischen Relativzahlen liefern monatlich und somit brandaktuell die Netz-Zahlen, das SONNE-Datenblatt veröffentlicht detaillierte Daten jährlich, die größeren Übersichtsartikel erscheinen im VdS-Journal, und die abschließenden Berichte - die Darstellung der Arbeit der VdS-Fachgruppe Sonne sozusagen in geronnener Form - werden in SuW publiziert. Soweit sind die Insider-Kreise der Astronomen abgedeckt. Für die breite Öffentlichkeit haben wir dann noch Ahnerts Kalender für Sternfreunde und die Bücher, an denen wir beteiligt sind (Handbuch für Sternfreunde, Die Sonne beobachten, Solar Astronomy Handbook). Finden sich da interessierte Leser, die sich melden, können wir sie in unsere Gruppe integrieren und evtl. für eine Mitarbeit gewinnen. In allen Publikationen wird übrigens die Kontaktadresse als Anlaufstelle genannt - siehe oben. Kehren wir nach diesem kleinen Gedanken-Exkurs zurück zur Mitarbeit als Fachgruppen-Redakteur am VdS-Journal. Wer Interesse hat, das zu übernehmen, melde sich bitte bei mir.
Kurz nach der Redaktionssitzung erreichte uns die Nachricht von Gerd Schröder, dass er die Betreuung der Tageskarten aus gesundheitlichen und familiären Gründen aufgeben müsse. Ein schmerzlicher Entschluss für die gesamte SONNE-Leserschaft, fürwahr, aber wir akzeptieren das natürlich alle und sagen Gerd unseren herzlichen Dank für seine jahrelange fleißige und saubere Arbeit. Es war immer ein Genuss, in SONNE die Highlights des Quartal-Geschehens wohl aufbereitet und dann im Datenblatt den Gesamtüberblick zu finden. Vor allem im Zusammenhang mit Ivan Glitschs Ha-Karten ein schöner Komplett-Anblick. Sogleich steht die Frage ins Haus: Wer hat Interesse, das Ressort Tageskarten fortzuführen? Bitte um direkte Kontaktaufnahme mit Gerd Schröder.
Wie man sieht, bewegt sich einiges in der VdS-Fachgruppe Sonne im personellen Bereich, genauso, wie es Gedanken zur zukünftigen Gestaltung im redaktionellen Bereich gibt. In SONNE 74 vom Juli 1995, S. 37, berichtete Elmar Junker von der Redaktionssitzung im Mai in Göttingen, Klaus Reinsch habe eine (und wörtlich:) sogenannte Homepage für SONNE im Internet eröffnet und erklärt weiter (wieder wörtlich:) einem weltweiten Computernetz. In SONNE 75 vom September 1995 wurde dann auf Seite 95 erstmals die Adresse veröffentlicht. Manche fragten sich damals: "Ja, sind denn die jetzt völlig abgehoben?" Seit selbst Boris "drin" ist, weiß man, dass jeder mit dem Netz umgehen können muss. In fünf weiteren Jahren werden so viele Menschen einen Internet-Anschluss haben wie heutzutage ein Telefon. Die SONNE-Homepage ist immer noch die alte lange, die an die Uni Göttingen und Klaus Reinsch gebunden ist:
http://neptun.uni-sw.gwdg.de/sonne.html.

Sie wird freilich gepflegt, ist gut, wird stets aktualisiert, und man kommt über Links auch von anderen Seiten rein, z. B. von der VdS-Homepage www.vds-astro.de oder von der der Sternfreunde im FEZ www.sifez.de . Auf der Redaktionssitzung in Sörnewitz wurde vorgeschlagen, unsere Bezeichnung zu vereinfachen. Flugs folgten auch Überlegungen, die gesamte Informationsflut ins Netz zu stellen. Angefangen von detaillierten Relativzahlen (Datenblatt) bis hin zum gesamten SONNE-Heft. Online chatting, online shopping, online banking - warum also nicht auch SONNE online? Bis jetzt sind zwei Adressen eingerichtet: www.VdS-Sonne.de und www.SONNEonline.org ., federführend von Steffen Janke und Andreas Zunker betreut. Details dazu lesen Sie bitte in Andreas Zunkers Beitrag in diesem Heft. Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Neuerungen? Gar keine. Das gedruckte Heft wird es weiterhin geben, denn online-Beiträge sind (noch) nicht eindeutig zitierbar, viele SONNE-Leser haben noch keinen Internet-Anschluss, und die Lieferungen an Freunde im Ausland, an Bibliotheken und Institute können nicht entfallen. Wie die Entwicklung auf dem Zeitschriftenmarkt insgesamt in der Zukunft verläuft, bleibt abzuwarten. Auf alle Fälle ist SONNE aber schon mal "drin", schaden kann´s nicht....
Apropos Internet. Hier gibt es noch eine erfreuliche Nachricht zu vermelden. Wir alle kennen Fredrick N. Veio aus Kalifornien, der vor über 30 Jahren das Spektrohelioskop für den Amateur wieder entdeckt und es in zahlreichen Publikationen beschrieben hat, u. a. auch in unserem Handbuch für Sonnenbeobachter. Fred ist übrigens auch SONNE-Abonnent und hat sich jetzt einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Sein eigenes Buch, das Standardwerk zum Thema, mit Titel The Spectrohelioscope, das man bis jetzt mühevoll per Post bestellen musste, ist jetzt über das Internet abrufbar - gratis! Haben Sie Interesse?
Sunmil1.uml.edu/eyes/veio/index.html.
Bei Fragen ist Fred per email erreichbar unter: fveio@hotmail.com.

Bild der Sammlung Unser Leser Mike Olshausen aus Washington DC unterrichtete uns im Oktober, dass der United States Postal Service einen Briefmarkenblock zum Thema "Exploring the Solar System" herausgegeben habe. Sein beigelegtes Muster zeigt fünf Werte à $ 1 mit den Motiven Sonnenfinsternis, das Sonneninnere ("aufgeschnittene" Sonne), Sonne bestrahlt Erde (Satellitenbild), Sonne im Ha-Licht mit großer Protuberanz und Sonne am blauen Himmel mit kleinen Cumulus-Wolken. Jede Briefmarke ist fünfeckig, und der Block ist grafisch gut gestaltet.

Zum Schluss ergeht, wie jedes Jahr an dieser Stelle, die herzliche Einladung zur Teilnahme an unserer SONNE-Tagung am Wochenende um Himmelfahrt. Unsere Tagungen sind mehr als übliche astronomische Zusammenkünfte mit reinem Vortragsprogramm. Hier werden die Weichen für die gesamte Zukunft der VdS-Fachgruppe Sonne besprochen und gestellt. Und Ihre aktive Mitgestaltung ist ausdrücklich erwünscht. Aus dem oben Geschilderten sehen Sie, dass sich einiges in Richtung Zukunft bewegt.
Deshalb melden Sie sich bitte an zur 25. SONNE-Tagung vom 24. bis 27. Mai 2001 in Schwäbisch Gmünd bei: Andreas Zunker, Auf dem Wasen 14, 71640 Ludwigsburg. Ich hoffe, wir treffen uns dort mit zahlreichen Teilnehmern!


Peter Völker, Berlin