J. Draeger, 14.6.2000
Teil III: Durchführung der Beobachtungen
1. Wetterbedingte Beeinträchtigungen
1.1 Allgemeine Beeinträchtigungen
Es ist üblich geworden, die Beobachter von Sonnenfinsternissen mit möglichst genauen Wettervorhersagen für die Totalitätszone zu unterstützen. Im Falle der Sonnenfinsternis vom 11.8.1999 besaßen die Vorhersagen für die Sichtbarkeitschancen in den einzelnen Ortschaften Differenzen von bis zu 30%. Außerdem traten größere Abweichungen zwischen den Vorhersagen und der tatsächlichen Entwicklung auf. Viele erlebten unmittelbar vor und während der Finsternis eine Achterbahn der Gefühle, wenn vorüberziehende Wolkenbänder und wolkenfreie Zonen miteinander abwechselten.
Derartige Verhältnisse herrschten praktisch entlang der gesamten mitteleuropäischen Totalitätszone, so dass man nicht ohne weiteres zu einem Standort mit wahrscheinlich günstigen Bedingungen wechseln konnte. Die meteorologischen Beeinträchtigungen hatten natürlich unmittelbare Konsequenzen für die Beobachtungsprogramme. Infolge der relativ starken mittleren Bewölkung war beispielsweise selbst an Standorten mit ansonsten brauchbaren Sichtbedingungen keine gute Horizontsicht vorhanden. Dies beeinträchtigte die Registration des erdatmosphärischen Streulichts signifikant, weil gerade am Horizont besonders charakteristische Veränderungen zu beobachten gewesen wären.
1.2 Beeinträchtigungen für die AAL
Viele Projekte der koordinierten Finsternisbeobachtung [1] fielen am 11.8.99 der schlechten Wetterlage in Deutschland zum Opfer [2]. Anscheinend fand von allen Beteiligten allein die Beobachtergruppe des Autors, die im letzten Augenblick nach Ungarn ausgewichen war, zumindest während der Totalität nahezu ideale meteorologische Bedingungen vor. Die kurzfristige Verlegung des Standortes war jedoch mit verschiedenen Nachteilen verbunden. Das vorgesehene Beobachtungsprogramm musste gekürzt werden; außerdem herrschte einige Konfusion über die wegen der Verlegung erforderlichen organisatorischen Änderungen.
Zwar wird bei der Beobachtung von Sonnenfinsternissen üblicherweise eine Notfallplanung für einen eventuellen Wechsel des Standortes durchgeführt, doch verhinderten in diesem Fall zahlreiche unerwartete Verzögerungen während der Vorbereitungsphase entsprechende präventive Maßnahmen. Obwohl die äußeren Umstände also denkbar ungünstig waren, brachte das Beobachtungs-Team der Astronomischen Arbeitsgruppe Laufen (AAL) eine ganze Reihe der geplanten Vorhaben erfolgreich zum Abschluss. In dem vorliegenden dritten Teil der Artikelserie über die koordinierte Beobachtung der totalen Sonnenfinsternis am 11.8.99 soll die Durchführung der Beobachtungen der AAL genauer geschildert werden. 2 Der Beobachtungsstandort
2.1 Wahl des Beobachtungsstandorts
Die von der AAL benutzte Sternwarte lag genau in der Totalitätszone. Ihre günstige Position nahe der Zentrallinie garantierte dabei mit 2m20s eine relativ lange Dauer der Totalität. Da gutes Wetter Voraussetzung für eine erfolgreiche Beobachtung der Finsternis war, wurden die Prognosen bereits frühzeitig verfolgt. Leider stellten sich diese als sehr unsicher heraus. Eine Woche vor der Finsternis schwankten die täglich aktualisierten Vorhersagen für München und Salzburg zwischen 20% und 60% Sonnenwahrscheinlichkeit; sie konnten folglich noch nicht als verlässlich betrachtet und einer etwaigen Reiseplanung zugrunde gelegt werden. Diese Situation hielt im Laufe der nächsten Tage an, obwohl sich für Südostbayern die Daten langfristig gesehen doch eher verschlechterten. Drei Tage vor der Finsternis variierten die Vorhersagen für München zwischen 20% und 40%, diejenigen für Salzburg waren sogar noch etwas schlechter.
Trotz der wenig erfreulichen Aussichten wurde vorerst weiter am geplanten Beobachtungsprogramm fest gehalten, da eine Schönwetterperiode immer noch möglich erschien und die Vorhersagen nach wie vor mit Unsicherheiten behaftet waren. Die tägliche Routine, einen wolkigen Himmel mit regelmäßigen Aufheiterungen vorzufinden, sprach auch noch nicht für einen Reiseantritt. Am 9.8.99 trat dann jedoch eine drastische Wetterverschlechterung ein. Die Prognosen für Salzburg und München mit einer Sonnenwahrscheinlichkeit von nun nur noch 10% bis 15% -- tendenziell abnehmend -- ließen wenig Raum für Spekulationen, so dass die AAL am 10.8.99, einen Tag vor der Finsternis, eine Verlegung des Beobachtungsstandortes beschloss. Zwar gaben die Meteorologen einer auf Sattelitenbildern erkennbaren schmalen Wolkenlücke eine gewisse Chance, weiterzubestehen und genau zum richtigen Zeitpunkt über der von der AAL benutzten Sternwarte zu liegen, doch erschienen diese Betrachtungen dem Beobachter-Team infolge der vielen enthaltenen Unwägbarkeiten wenig verlässlich.
Mit dem Entschluss der Verlegung war jedoch klar, dass das ursprünglich geplante Beobachtungsprogramm nur noch teilweise durchführbar sein würde. Die reisewilligen Mitglieder der AAL modifizierten die Beobachtungskampagne entsprechend und teilten die erforderlichen Instrumente auf drei bereit stehende Autos auf.
Zu klären blieb das Reiseziel. Dies war angesichts der teilweise immer noch widersprüchlichen Meldungen nicht einfach. Entsprechend unterschiedlich waren die Ansichten. Letztlich erfolgte ein Mehrheitsentscheid für Westdeutschland bzw. Frankreich. Unmittelbar nach dieser Entscheidung traf jedoch die Nachricht ein, dass es in Saarbrücken regnete und dieser Regen gemäß lokaler Wettervorhersage bis zur Sonnenfinsternis anhalten würde. Zugleich wurde festgestellt, dass die zunächst positiven Wettervorhersagen für Westdeutschland einen empfindlichen Einbruch erlitten hatten. Die Prognosen für den Osten Europas waren nun weitaus besser. Daraufhin wurden die Reisepläne geändert und das südöstliche Ungarn anvisiert. Nach letzten Vorbereitungen begann dann die Fahrt nach Osten.
2.2 Konsequenzen für das Beobachtungsprogramm
Die Aufgabe der Sternwarte Laufen als Beobachtungsplattform hatte einschneidende Beschränkungen für das Beobachtungsprogramm zur Folge. Bereits zuvor mussten die Experimente 12, 13, 22 und 23 infolge technischer Probleme aus dem Beobachtungsprogramm gestrichen werden [3]; nun fielen darüber hinaus folgende Projekte aus.
2.3 Wechsel des Beobachtungsstandortes nach Ungarn
Die angetretene Fahrt über insgesamt 650km verlief unter einer vollständig geschlossenen Wolkendecke im Dauerregen. Die in den Autoradios zu hörende Nachricht, dass in Niederösterreich einzelne Gebiete wegen Überschwemmungen evakuiert werden mussten, war ebenfalls nicht gerade ermutigend. Zumindest kam die Beobachtungsgruppe infolge des geringen Verkehrs gut voran; das mitgeführte Equipment verursachte beim Zoll an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn -- wohl aufgrund des Bekanntheitsgrades der anstehenden Sonnenfinsternis -- keine Probleme. Abends besserte sich das Wetter. Es regnete nicht mehr, auch wenn die Wolkendecke nach wie vor geschlossen blieb. Gegen Mitternacht, nach erfolgreicher Suche einer Unterkunft und dem Abendessen, klarte der Himmel nördlich des Plattensees sogar soweit auf, dass einige Sterne zu sehen waren. Das Beobachtungsteam verband diese Feststellung mit großen Hoffnungen auf eine klare Sicht am nächsten Tag.
Der Regen am nächsten Morgen stellte eine schwere Enttäuschung dar. Bei der Fortsetzung der Fahrt entlang der Totalitätszone in Richtung Südosten gelangte das Team jedoch in eine Region, über der sich der Himmel aufhellte. Mit der Zeit wurde die Lücke immer größer, bis sie die Hälfte des Himmels ausfüllte. In der Vermutung, dass diese Tendenz anhielt, wurde die Fahrt gestoppt. Schon bald zogen jedoch neue Wolken auf. Die gerade erst entstandene Lücke begann sich wieder zu schließen. Entsprechend den Vorhersagen über besseres Wetter im Osten wurde daraufhin die kurzfristig unterbrochene Fahrt fortgesetzt. Es zeigte sich jedoch auch nach längerer Zeit keine neue Lücke am Himmel. Die geschlossene, bis zum Horizont reichende Wolkendecke ließ auch nicht erwarten, so bis zum Beginn der Totalität Standorte mit besseren Wetterverhältnissen zu erreichen. Als letzte Chance blieb daher nur, wieder umzukehren und zu dem nun deutlich kleiner gewordenen alten Wolkenloch zurückzukehren. Der daraufhin zunächst gewählte Beobachtungsstandort erwies sich als ungünstig, weil direkt über ihm eine Zone der Wolkenbildung lag.
Schließlich wurde weiter innen im Zentrum des Wolkenlochs nach einem neuen Beobachtungsstandort gesucht, auch wenn so die Distanz zur Zentrallinie vergrößert wurde. Immerhin konnte festgestellt werden, daß das Wolkenloch nicht mehr kleiner wurde. Der nächste Halt auf einem Feldweg war vielversprechend; die Lücke erschien groß genug, um einen guten Ausblick auf die Sonne während aller Phasen der Finsternis zu garantieren. Der Weg war breit genug, um einerseits bequem die Fahrzeuge abstellen und das Equipment aufbauen zu können, andererseits aber weitere Fahrzeuge ungestört passieren zu lassen. Außerdem herrschte eine gute Sicht in alle vier Himmelsrichtungen ohne Behinderung durch Geländeerhebungen oder Bäume. Es folgte eine kurze Beobachtung der Wolkensituation, um im Bedarfsfall wieder aufzubrechen. Die Bewegungsrichtung der Wolken und die Zonen der Wolkenbildung wurden jedoch als akzeptabel angesehen. Die Beobachtungs-Gruppe der AAL konnte sich so einen hervorragenden Standort sichern.
3 Durchführung der Beobachtungen
Auf einer Sternwarte als festen Beobachtungsstandort hat man zwar keinerlei Möglichkeit, in irgendeiner Weise auf die Wetterverhältnisse zu reagieren, kann dafür aber seine Vorbereitungen in aller Ruhe treffen. Für eine mobile Beobachtergruppe gelten im allgemeinen genau die umgekehrten Verhältnisse. Die Suche nach einem geeigneten Beobachtungsstandort, der zudem manchmal wieder kurzfristig gewechselt werden muss, reduziert im Gegenzug die zum Aufbau, Einnorden und Ausrichten des Equipments zur Verfügung stehende Zeit. Genau mit diesem Problem wurde auch die AAL konfrontiert. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit musste die Aufstellung der Ausrüstung verhältnismäßig rasch vor sich gehen.
Der erste Kontakt wurde durch die erforderlichen Vorbereitungen bereits verpasst. Letztlich erwies sich die bis zur Totalität noch verbleibende Zeit als zu kurz, um auch die schwere Montierung für die vier Experimente 3, 6, 8 und 11 betriebsbereit zu machen. Um den Erfolg des gesamten Beobachtungsprogramms nicht zu gefährden, wurden letztlich die Arbeiten zur Inbetriebnahme dieser Montierung eingestellt. Der Entschluss dazu fiel nicht leicht, da so vier Instrumente gleichzeitig ausfielen. Zu ihnen gehörten auch der überwiegende Teil aller noch verbliebenen Geräte zur Koronabeobachtung. Eine solche Entwicklung war angesichts der späten Wahl des endgültigen Beobachtungsstandortes jedoch zu befürchten gewesen. Die fragliche Montierung besaß eine beträchtliche Stabilität, benötigte für ihre Aufstellung aber eine längere Zeit.
Die Enttäuschung über den Wegfall der Holzmontierung hielt nicht lange an, da die Wetterlage unsicher blieb und größere Besorgnis hervorrief. Immer wieder wurde die Sonne von teilweise recht eindrucksvollen Wolkenbänken verdeckt, welche sich aufgrund unterschiedlicher Wanderungsgeschwindigkeiten im Zenith zusammenzuballen begannen. Sie behinderten die Kalibrationen des Filmmaterials an der partiell verfinsterten Sonne. Etwa eine Viertelstunde vor der Totalität besserte sich das Wetter jedoch schlagartig. Innerhalb kürzester Zeit war der Himmel mit Ausnahme des Horizonts praktisch wolkenfrei. Von nun an konnte man dem weiteren Verlauf der Finsternis entspannt entgegensehen. Der lange Zeit merkliche Wind blieb kurz vor der Totalität mehr oder weniger plötzlich aus. Schattenbänder konnten erfolgreich gesichtet werden, trotz der dafür verhältnismäßig ungünstigen Bodenbeschaffenheit. Die Beobachtungen während der Totalität wurden bei bestem Wetter absolviert. Die vergleichsweise hohe Umgebungshelligkeit erleichterte die Bedienung der Instrumente bedeutend. Der Anblick der Korona entschädigte zumindest teilweise für die obsolet gewordenen Vorbereitungen auf der Sternwarte.
Das Ende der Totalität kam unerwartet schnell. Obwohl andere Berichte die nach dem dritten Kontakt auftretenden Schattenbänder verglichen mit denen vor dem zweiten Kontakt als deutlich markanter beurteilten, konnte die AAL keine entsprechende Sichtung melden. Der fast vollständig wolkenfreie Himmel blieb nach der Finsternis erhalten und ermöglichte eine einwandfreie Beobachtung der nun wieder abnehmenden Verfinsterung. Unmittelbar nach dem vierten Kontakt trat die Beobachtergruppe die Rückreise an.
4 Diskussion
Wetter:
Eine gewisse Ironie besteht darin, daß am ursprünglich vorgesehenen Beobachtungsstandort, der Sternwarte in Laufen an der Salzach, praktisch während der gesamten Finsternis gutes Wetter herrschte. Mit etwas Glück wäre also das vollständige Beobachtungsprogramm erfolgreich durchführbar gewesen. Wie sich später jedoch herausstellte, wechselten sich in dem fraglichen geographischen Bereich Wolkenlücken und Wolkenbänder dicht hintereinander ab. Rückblickend war die Entscheidung, kurzfristig abzureisen, also durchaus angemessen.
Beobachter:
Über die Ursache der geringen Anzahl von Beobachtern vor Ort kann nur spekuliert werden. Möglicherweise hatte nur ein kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt in Betracht gezogen, wetterbedingt einen anderen Standort aufzusuchen. Andererseits erschien den Leuten, die sich kurzfristig zu einer längeren Autofahrt aufraffen konnten, Frankreich als EU-Mitglied in der Regel vorteilhafter als Länder wie Ungarn, Türkei oder Rumänien. Unter Umständen war auch die Autobahn-Vignette von Österreich ein gewisses Hindernis. Jedenfalls konnte bei der Rückfahrt nach Deutschland der Westen als bevorzugte Richtung der Standortverlagerung bestätigt werden: Während die AAL auf praktisch keinerlei Verkehrsbehinderung traf, standen viele rückreisende Deutsche, die aus der entgegengesetzten Richtung kamen, stundenlang im Stau. Empfehlungen: Die Beschreibung des Beobachtungsprogramms erwies sich teilweise als zu wenig detailliert. Dadurch kam es zu mehreren Fehlbedienungen insbesondere der photographischen Kameras. Eine Ursache ist wahrscheinlich die Benutzung von Einstellungen, welche gewöhnlich nur selten gebraucht werden. Darüber hinaus ist zu empfehlen, die grundsätzlichen Einstellungen jedes Instruments wie etwa Belichtungszeit und Blende der Kameras noch vor Beginn der Finsternis zu prüfen.
Resultate:
Der Beobachtungsstandort der AAL befand sich in Ungarn südostlich des Plattensees auf der geographischen Länge 18 Grad 43'12'' O und der geographischen Breite 46 Grad 49'33'' N. Von den geplanten Experimenten wurden 5, 7, 10, 16, 17, 31, 32, 33 und 34 erfolgreich durchgeführt; die Experimente 2, 3, 6, 8, 11, 20, 24, 27, 29 scheiterten aufgrund unterschiedlicher Ursachen:
Experimente 2, 20 und 29: Nachträglich stellte sich heraus, daß die Experimente 2, 20 und 29 nicht wie abgesprochen eingesetzt worden waren.
Experimente 3, 6, 8 und 11: Diese Experimente fielen aus, weil ihre Montierung nicht mehr rechtzeitig aufgebaut werden konnte.
Experimente 24 und 27: Nach der Rückkehr des Beobachterteams nach Deutschland wurde festgestellt, daß der Filmtransport der Kameras bei den Experimenten 24 und 27 versagt hat.
5 Danksagung
Dank schulde ich Herrn Dr. Eder, Herrn Mayer, Herrn Pilzer und Herrn Sturm für die tatkräftige Unterstützung bei der Ausführung der Beobachtungen.
Literatur
Letzte Änderung: 2000-12-14