Manfred Holl (28.06.2003)
Diese Frage habe ich vor ein paar Wochen auf verschiedenen Mailinglisten gepostet. Hintergrund der Geschichte: Im Rahmen eines Telefonats mit einem anderen Sonnenbeobachter kam die fast schon resignierende Feststellung, dass sich die Fleckenbeobachtung mit bloßem Auge im Minimum nicht lohnt, da man ja weiß, dass keine Flecken auf der Sonne vorhanden sind. Oder nur so winzige, die mit bloßem Auge nicht erfassbar sind. Diese Ansicht ist gewiss nicht neu und viele, vor allem gelegentliche Sonnenbeobachter verzichten in Minimumszeiten gleich ganz auf eine Beobachtung. Hier kommt natürlich auch etwas Psychologie mit ins Spiel, denn wenn man weiß, dass kein Fleck auf der Sonne ist, meint man, getrost auf die Beobachtung verzichten zu können.
Anscheinend hat sich diese Ansicht aber auch zu den Teleskopbeobachtern durchgeschlagen, denn auch hier ist die weit verbreitete Ansicht zu hören, dass das Aufbauen des Fernrohres nicht lohnt, wenn man sowieso keinen Fleck sehen kann. Aber wer schon ein oder mehrere Minima durchbeobachtet hat, dem ist auch bewusst, dass, zumindest in den letzten Zyklen, es lange Perioden von Monaten ohne einen Sonnenfleck eigentlich nie gegeben hat. Auch das macht die Beobachtung im Minimum spannend. Gerade die Sonnenaktivität der letzten Wochen hat bewiesen, dass die Tageslichtastronomie auch in Zeiten abflauender Fleckentätigkeiten spannend und aufregend sein kann.
Einhellige Meinung vieler, die auf meine Anfrage reagierten, war, dass man auch im Minimum beobachten müsse. So schrieb Michael Delfs sehr richtig:
Das „Beobachten vom bloßem Aug'", auch als A-Netz bekannt, braucht jeden Tag, ob nun mit oder ohne Fleckensichtung. Wie sonst könnte der Zyklus nebst Minimum erfasst werden, denn das ist ja auch mit dem A-Netz möglich und sinnvoll. Das gilt übrigens für andere Netze ebenso...
Und Josef Laufer aus Würzburg meinte dazu:
Ansonsten gilt die alte Regel: grade „nach“ dem Maximum tauchen die meisten großen Einzelflecken auf! Während des Minimums ist natürlich nicht viel los, aber da ist noch lange hin. Jedenfalls ist die Phase absteigender Aktivität länger als der Anstieg. Und zu beobachten, wann der erste Fleck des neuen Zyklus in hohen Breiten auftritt, und wann der letzte des alten gesichtet wird, ist ja auch spannend.
Gerd Schröder schrieb:
Im Übrigen ist die Registrierung einer fleckenfreien Sonne auch ein wichtiges Ergebnis, das wir nun bald öfter sehen werden. Und die etwas betagteren Beobachter sehen dann auch mal Flecken ihres Auges auf der Sonne projiziert. Da hilft ein kräftiges Augenrollen und Kontrolle, ob der "Fleck" wieder auf der Sonne erscheint oder plötzlich doch an anderer Stelle wieder auftaucht.
Eine andere Frage war, ob die Beobachtung im Minimum schneller durchzuführen ist, als im Maximum. Aus eigener fast 25 jähriger Beobachtungstätigkeit weiß ich, dass man im Minimum nicht unbedingt schneller fertig ist. Gerade wenn man vermeintlich weniger Flecken sieht, versucht man doch immer, vielleicht doch noch eine Winzgruppe zu erwischen, von der man aber nicht weiß, ob sie tatsächlich vorhanden ist. Michael Delfs schrieb dazu:
„Der Teleskopbeobachtende schaut, und dabei erwische ich mich auch gelegentlich, in fleckenarmen Zeiten genauer hin. Letztlich aber geht die Beobachtung doch schneller vonstatten, wenn man nicht nur zählt, sondern, wie in meinem Fall, auch noch zeichnet.
Zur Gewohnheit habe ich es mir gemacht, das selektive Beobachten mit der Konzentration nur auf die leicht sichtbaren Fleckengruppen ganz gezielt durch mindestens genauso konzentriertes Gucken zwischen die Fleckengebiete zu ergänzen, damit Kleinkram nicht einfach so unter den Tisch fällt. Ebenso wichtig ist der gründliche Blick in die Fackeln. So manches Fleckchen bereits fand sich dort. Darum ist die Fackelbeobachtung und -zählung, wie sie im Fackelnetz (von leider nicht sehr vielen Beobachtenden) betrieben wird, doppelt sinnvoll.
Zu guter Letzt ist immer auch der Adlerblick entlang des unmittelbaren Sonnenrandes wichtig, denn manchmal ist auch dort schon oder noch ein Fleck (oder mehr) in der Luftunruhe verborgen, kommt aber doch bei genauem Hinsehen blickweise hervor.
Dem Sonnenbeobachtungs-Neuling, der den richtigen Einstieg sucht, sei im Übrigen gerade die Vorminimumszeit und die nachfolgenden Jahre wärmstens empfohlen. Hier wird man nicht von einer mit Flecken gepflasterten Sonne überfordert und kann sich so in die grundlegenden Techniken einarbeiten und auf die wenigen vorhandenen Erscheinungen konzentrieren.“
Man kann es auch so sehen: Die Beobachtung im Minimum ist entspannender, weil dann dann keinen Taschenrechner für die Errechnung der verschiedenen Indices braucht.
Aber Scherz beiseite: Es wäre schade, wenn nur aus der irrigen Annahme heraus, es wäre nichts interessantes auf der Sonne zu sehen, nicht mehr oder deutlich weniger beobachtet wird, denn alle Beobachternetze brauchen die Daten dringend zur Bestimmung des Verlaufs der Sonnenaktivität und natürlich auch zur Festlegung des genauen Minimumszeitpunktes, denn je mehr Daten vorhanden sind, desto genauer wird das Ergebnis!
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Letzte Änderung: 2003-07-04 14:48 |