Barbara Gutowski Mai 2003
Aufgrund Ihres Aufrufes in SONNE 105, über das zu schreiben,
was auch immer mit unserem Hobby zu tun hat (S. 4 „...oder was auch immer
mit Ihrem Hobby zu tun hat als kurzen Artikel auf...“), freue ich mich,
zum ersten Mal etwas für SONNE zu schreiben, obwohl ich glaube, dass es
gar nicht hier hinein gehört. Ich möchte Ihnen den Schulaufsatz „Die
schönsten Stunden“ senden, der meine Anfänge in der Astronomie
vor 30 Jahren zeigt und meine Begeisterung, die Leidenschaft, die Liebe zur
Wissenschaft, die uns allen eigen ist. Ich liebe die Astronomie wie eine Frau
einen Mann liebt und finde es fantastisch, wenn ich mit Hilfe der physikalischen
Gesetze die Welt im Großen und im Kleinen verstehen und berechnen kann.
Es ist faszinierend, wenn man das, was man im Fernrohr sieht, auch berechnen
kann, z.B. wenn ich den Orionnebel sehe und weiß, dass ich Volumen und
Extinktion der in ihm gefundenen Proplyds berechnet habe, den Gesamtdrehimpuls
und die Gesamtenergie eines Doppelsternsystems in Abhängigkeit von der
Bahnhalbachse hergeleitet habe und dann Doppelsterne beobachte.
Sonnenbeobachtungen habe ich zuvor schon 1978 am Coudé-Refraktor der
Schweriner Sternwarte durchgeführt, aber nicht an den damaligen Arbeitskreis
Sonne des Kulturbundes abgeschickt; das machte ich nur mit meinen jahrelangen
Beobachtungen der Veränderlichen Sterne (AK Veränderliche des KB).
Regelmäßig beobachte ich die Sonne seit 1998 mit meinem kleinen,
wackeligen Versandhausfernrohr, das mir gute Dienste geleistet hat. Inzwischen
bin ich auf einen 110/800 umgestiegen. Ich möchte noch erwähnen, dass
es natürlich bei den schönsten Stunden nicht geblieben ist, es folgten
Planetariumsvorführungen, Vorträge auch als Urania-Referent und in
den letzten Jahren Vorträge im Astronomischen Verein e.V. Schwerin, durch
den ich auch Gelegenheit hatte, mit einem Protuberanzenfernrohr zu beobachten,
2 Beobachtungsnächte 19 km von Schwerin entfernt, an denen ich teilnahm.
Zur Astronomie kam ich durch die Liebe zu einer Star-Trek-Figur, Mr. Spock.
Er symbolisiert für mich das ganze Universum, die Astronomie und die Physik
des Kosmos. Wenn ich ihn in „Star Trek - Der Film“ mit seinen langen
Haaren auf Vulkan sehe, sehe ich in Gedanken die Sonnenflecken, die Protuberanzen,
die Magnetfelder, die diese Erscheinungen verursachen. Und all das bringe ich
mit ihm in Zusammenhang. Inzwischen habe ich einen „richtigen“ Mann,
der zwar nicht die Liebe zur Astronomie mit mir teilt, der aber mit mir manchmal
Hand in Hand den Anblick des Sternenhimmels genießt. Soviel ein Querschnitt
aus meinem astronomischen Leben. Doch nun genug
geredet, hier der Aufsatz.
***
Die schönsten Stunden
Die Sommerferien hatten begonnen. Zwei Wochen
lang war ich schon in bedrückter Stimmung,
denn genauso lange zeigte sich die Sonne nicht
konnte ich keine Sterne beobachten, da sich ein
ausgedehntes Tiefdruckgebiet über der DDR befand.
Es schien mir, daß ich krank sei. Mit Sehnsucht
erwartete ich besseres Wetter.
Endlich kam der ersehnte Tag. Die Sonne strahlte
am blauen Himmel, und ich hoffte, daß ich in der
Nacht Sterne beobachten könne. Der Tag verging
viel zu langsam. Nach dem Fernsehen packte ich
meine Sachen zusammen und ging gegen 23 Uhr
hinaus. Sofort schaute ich zu den Sternen hinauf.
Es war eine sehr klare Nacht. Das Himmelszelt
schien von einer Unzahl von Sternen übersät zu
sein. Das nächtliche Heer der fernen Sonnen sah
so schön wie nie aus. Einfach phantastisch! Einen
Ausruf des Erstaunens und Entzückens über diese
in verschiedenen Farben funkelnde Pracht
fernster Sonnen unterdrückte ich der Nachbarn
wegen. Das bedrückende Gefühl wandelte sich
urplötzlich in Freude um, mir wurde leichter ums
Herz, ich wurde fröhlicher und hätte am liebsten
einen Luftsprung gemacht . Nachdem sich diese
freudige Erregung etwas gelegt hatte, ging ich dis
"Planetenleiter" hoch und legte mir die Sachen
(ich richtete mich für den Rest der Nacht ein) auf
meiner Beobachtungsstation "ZR-200" zurecht:
Uhr, Taschenlampe, Decken und Schreibzeug,
denn ich rechnete mit Meteoren, da zu der Zeit die
Erde während ihres Umlaufes um die Sonne die
Bahn des Perseidenstroms schnitt. Übrigens sollte
das meine erste Jagd auf Meteore werden. Hoffentlich
werde ich viele von ihnen zu sehen bekommen?
Ich setzte mich auf den Teppich, der
auf der Station lag und durch musterte das Heer
der fernen Sonnen. Zunächst zog das leuchtende
und funkelnde Band der Milchstraße meine Aufmerksamkeit
auf sich. Sie ist einfach faszinierend!
Riesige Sternmengen, durch die Tiefenwirkung
zusammengedrängt! Ich konnte den Blick von der
Milchstraße gar nicht abwenden. Ja, ich stellte mir
sogar die Frage, ob es nicht Unsinn sei, die schöne
Zeit zu verschlafen, es gibt nur wenige sehr
klare Nächte im Jahr, in denen man die Milchstraße
sehen kann. Und der Entschluß, den Rest der
Nacht zu bleiben, wurde dadurch bekräftigt. Die
Milchstraße gilt zweifellos zu den eindrucksvollsten
Gebilden des Sternenhimmels. Jenes schimmernde
Sternenband, das aus einer Unzahl fernster
Sonnen besteht, erweckt in mir ein unbeschreibliches
Gefühl. In dem leuchtenden Band
offenbaren sich die Grenzen unseres Sternsystems!
Ich wollte diese funkelnden Sonnen gerne
immerzu anschauen, mich nie vom Anblick dieser
wundervollen Himmelslandschaft trennen. Diese
Myriaden von Sonnen, als dicht beieinander liegende
Punkte in einem Band erscheinend, bezauberten
mich, Ein weißes Band, nur von Dunkelwolken
durchbrochen, die zwischen uns und den fernen
Sternen lagern! Ich versuchte mir vorzustellen,
daß unser Sonnensystem und die am Himmel
sichtbaren Sterne und Sternbilder auch alle zur
Milchstraße, zu unserer Galaxis gehören. Doch es
gelang mir nur teilweise. Beim Anblick der Milchstraße
mußte ich an den ehrenwerten Sternreisenden
Ion Tichy aus Lems "Sterntagebüchern" denken,
Dieser Ion ist zwischen den Sternen der Galaxis
umhergereist und hat viele Abenteuer erlebt.
Ich stellte mir diesen Herrn Tichy wandernd zwischen
den Sternen vor. Wie lustig! Wieviele Sonnen
sind wohl von Planeten umgeben? Was für
ein Abenteuer muß dieses Reisen zwischen den
Sternen sein! Mitten im Zuge der nach Süden hinabsteigenden
Milchstraße befindet sich das Kreuz
des Schwans mit dem hellen Stern 1. Größe Deneb.
Deneb, 1600 Lichtjahre entfernt! Ich kann es
mir nicht vorstellen, daß dieser Stern so, wie ich
ihn jetzt sehe, vor 1600 Jahren ausgesehen haben
soll. Ob es diesen wunderschönen Stern noch
gibt? Vielleicht explodierte er bereits? Ein abstrakter
Gedanke! Trotzdem! Diese Fragen werden die
Menschen eines neuen Zeitalters beantworten
können, die ohne Ausbeutung und Unterdrückung,
miteinander in Frieden, Eintracht und Freundschaft
leben, die keine sich feindlichen Klassen
mehr kennen. Wäre dort- in der Umgebung von
Deneb -ein riesiger Spiegel angebracht, könnten
wir jetzt die Erde so sehen, wie sie vor 3200 Jahren
aussah, wir könnten beobachten, wie die Menschen
um ihr Dasein ringen, Phantastisch! Ein
Blick in die Sternenwelt-ein Blick in die Vergangenheit!
Östlich vom Schwan strahlt die blauweiße
Wega in der Leier im Scheitelpunkt des Himmels.
Im Feldstecher betrachtet erscheint es, als würde
ich in einem Raumschiff sitzen und durch ein großes
Fenster die Sternenwelt bewundern. Inmitten
dieser Sterne sehe ich die Wega. Sie scheint ganz
nah zu sein. Durch die weißblaue Farbe wirkt die
Sonne kalt, und ich werde an die unendlichen,
schwarzen Tiefen des Alls, an die eisige Kalte der
kosmischen Nacht erinnert. Ich erwachte aus den
kosmischen Träumen und mir wurde bewußt, daß
ich noch keine Meteoriten gesehen hatte. Wie lange
werde ich noch warten müssen? Aber das
Warten machte Spaß, denn ich betrachtete die
wundervolle Sternenwelt. Dem Zuge der Milchstraße
nach Süden folgend, treffe ich auf die Bilder
des Fuchses und des Pfeils. Dann kommt das
eindrucksvollste Gebilde des Sommerhimmels,
der Adler mit Atair. Ich stellte mir einen Adler vor.
Die Milchstraße verschwindet am Südhorizont im
Sternbild des Schützen. Hier leuchtet sie noch einmal
in großer Pracht! Das Sternbild Skorpion mit
dem roten Antares, das sich westlich an den
Schützen anschließt, finde ich auch sehr schön.
Einwenig westlich von diesem steht die Waage.
Eine besonders schöne Himmelslandschaft befindet
sich westlich der Leier, dort steht der Hercules,
an ihn schließt sich der wunderschöne Halbkreis
der Nördlichen Krone an. Von diesem Halbkreis
bin ich immer wieder von neuem beeindruckter
ist so wunder wunderschön.
Außerdem sah ich in jener Nacht die Sternbilder
Bärenführer, Haar der Berenike, Steinbock, Wassermann,
Pegasus,Androraeda,Schlangenträger,
Delphin,Cepheus.Kassiopeia und Perseus. Mein
Blick schweifte vom Polarstern über den Kleinen
Bären zum Großen Bären. Der Stern Mizar mit
seinem Begleiter Alkor erinnerte mich an den 6fachen
Kastor, Drei jeweils doppelte Sterne bewegen
sich in fast 400 Jahren umeinander. Ob es
dort Planeten gibt ? Vielleicht sogar hoch/ entwickelte
Zivilisationen? Die Lebewesen würden
dann mehrere Sonnen am Tag und in der Nacht
am Himmel sehen. Kaum vorstellbar aber schön!
Da! Beim Betrachten des wundervollen Sternenhimmels
wurde ich aus meinen Gedanken gerissen,
als plötzlich auf der Nordostseite ein sehr helles
Meteor auftauchte, Pur eine Sekunde leuchtete
es gelbrötlich auf. Es hinterließ einen weißen
Streifen, der für Bruchteile v. Sekunden nachleuchtete.
Der Helligkeit nach zu urteilen, war es
ein Bolid, Das ging alles so schnell, daß ich gar
nicht richtig zur Besinnung kam, Zunächst war ich
etwas erschrocken u. erregt. Doch dann begann
sich die Erregung in Erstaunen über diese wundervolle
Erscheinung und in große Freude umzuwandeln.
Ich war glücklich, solche faszinierende
Erscheinung gesehen zu haben. Beinahe hätte ich
einen Jubelschrei ausgestoßen. Das Warten hatte
sich gelohnt. Schnell schaute ich auf die Uhr - es
war 24.14 Uhr - und schrieb alles auf, Das war
zweifellos der krönende Höhepunkt der sommerlichen
Nachtstunden. Denn noch solch einen schönen
Gast aus den Weltraum hatte ich nicht zu erwarten,
- Ich stand auf und ging hin und her, dabei
schaute ich die Sterne an, Ich wartete auf kleinere
Gäste aus dem Weltraum. Meinen Gedanken ließ
ich freien Lauf. Es ist schön, daß ich die Sterne
mit Namen kenne. Ich sehe sie an und weiß, daß
man den dort im Zenit den Namen Wega gab und
einem anderen den Namen Zuben-el-dschenubi.
Ich war glücklich beim Anblick der Sterne, Diese
wunderbare Stille, das Alleinsein auf dem Dach,
über mir Sterne, gute, alte Bekannte! Die Stunden
unter dem Sternenzelt finde ich schön, In Gedanken
sah ich die Urexplosion des Kosmos, Galaxien,
Sterne, Planeten entstehen. Im Sternenhimmel
spiegelt sich die Unendlichkeit des Alls wieder!
In jener Nacht eilten meine Gedanken zu fernen
Welten. Vor einem Jahr kannte ich noch kein
Sternbild. Und jetzt?! Fast den ganzen nördlichen
Sternenhimmel« Bis zum Morgen hatte ich noch
genügend Zeit, die Künder einer kosmischen
Wahrheit und die Boten der fremden Welt, die Meteoriten,
zu beobachten. Insgesamt waren es 9
Sternschnuppen und 2 Feuerkugeln. Gegen halb
zwei Uhr konnte ich ein Wiedersehen feiern, denn
ich erblickte am Nordosthimmel einen Nebelfleck.
Als ich erkannte, daß das die Plejaden waren, uralte
Bekannte, machte ich einen kleinen Freudenhopser.
Wie Edelsteine funkeln sie! Ein Blick in die
Sternenwelt-ein Blick in und durch das Weltall!
Quasare, Pulsare, Novae und Supernovae, Zwerge,
Überriesen, normale Riesen, Unterriesen und
Unterzwerge, elliptische Galaxien, irreguläre Galaxien
und andere Galaxien, Gravitationsfallen, Doppelsterne,
Dreifachsterne und andere Sterne, Kometen,
Asteroiden, Meteoriten, Wolken aus Gas
und Staub, die durchs Planetensystem rasen,
Dunkelwolken, Sternsysteme, die sich alle 100
Millionen Jahre durchdringen und sich gegenseitig
von Materie "freifegen", Protuberanzen, Flecken
und und und! Dann begann die Dämmerung. Ich
blieb, bis die Sterne verblaßt waren. Bin wenig
traurig, daß ich von dieser so faszinierenden Sternenwelt,
dem Fixsternreich und der Milchstraße,
schon wieder Abschied nehmen mußte, und
zugleich freudig erregt und zu Frieden ging ich
schlafen. Es ist ein tiefer und nachhaltiger Eindruck,
den ich in jener Nacht von der Sternenwelt
gewann. Nie werde ich diese Stunden vergessen!
***
Zum Schluss möchte ich mit Bruno H. Bürgel sagen, wie ich die Astronomie erlebt habe: „Glaubt nicht den Stumpfen, den Sachlich-Kühlen, die Euch zurufen: ,Was gehen uns die fernen Sterne an?’ Unendlich viel gehen sie uns an, jedenfalls viel mehr als die erschütternde Tatsache, dass irgendein Zeitgenosse den Kilometer 2,3 Sekunden schneller durchraste als ein anderer… Großes geht von den Sternen aus, sie führen uns zum Wissen über die Welt, zu einer ,Weltanschauung’, sie heben uns empor über den Alltag, sie belehren uns über die Stellung des Menschen im Weltganzen, sie führen uns zu einer vertieften Betrachtung aller Erscheinungen der Natur und des Lebens, machen uns frei von engstirniger, kleinlicher Gesinnung. Das Wissen über die unermessliche Welt, aus der die Sterne herüberfunkeln zur kleinen Erde, bereichert unser Lebensgefühl, hebt uns heraus aus dem oft so kleinlichen, so nichtigen Trubel des Alltags.“
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Letzte Änderung: 2003-07-04 14:46 |