Beobachtung

H-Gruppe mit ungewöhnlicher Lichtbrücke

Manfred Holl (17.07.2002)

Nur selten ist in Norddeutschland das Wetter an mehreren Tagen hintereinander so gut, dass man daran gehen kann, Einzelstudien von Fleckengruppen während ihrer fast 14 tägigen Wanderung über den von der Erde aus sichtbaren Teil der Sonnenoberfläche vorzunehmen. Solche Beobachtungen, die am besten noch durch Zeichnungen und Fotos dokumentiert sein sollten, sind gerade für das Studium der Entwicklung von Lichtbrücken enorm wichtig. Leider liegt derartiges Datenmaterial nicht in sehr großer Zahl vor.

Um so erfreuter war ich, als ich Ende Juni mit meinem 80/400-Refraktor zum ersten Mal feststellen konnte, wie sich eine Lichtbrücke über mehrere Tage hinweg entwickelte. Alles begann am 19. Juni mit der Region 0008. Die Nummerierung ist durch das U.S. Dept. of Commerce, NOAA, Space Environment Center and the U.S. Air Force (1) erfolgt, und begann nach der Regionsnr. 9999 wieder mit 0001, was aber nicht bedeutet, dass alle Aktivitätszentren oberhalb der Nr. 9999 zum neuen Fleckenzyklus gehören! Die Region wurde als Hax (McInstoh-Klassifikation) eingestuft, was sich mit meinen eigenen Beobachtungen deckte.

Das besondere an der randnahen Fleckengruppe: Zu ihr gehörten 4 Flecken und sie hatte eine deutlich sichtbare Lichtbrücke vom Typ l (Hilbrechtsche Klassifikation). Bei diesem Typ erstreckt sie sich von der Penumbra her kommend in die Umbra hinein, ohne sie jedoch auf der anderen Seite wieder zu verlassen, das wäre erst beim Typ m der Fall.

Die Lichtbrücke erwies sich als ungewöhnlich stabil und ein klassisches Beispiel dafür, dass sie nicht immer Flecken zerstören, sondern auch zu deren Entwicklung beitragen können, so wie hier. Leider war in den folgenden vier Tagen das Wetter so schlecht, dass keine Sonnenbeobachtungen möglich waren. Erst am 23. Juni um 6:50 UT konnte ich die Sonne wieder von meinem Dachbodenfenster aus beobachten. Die H-Gruppe hatte an Umfang gewonnen, die Zahl ihrer Einzelflecken war auf 14 gestiegen und die Lichtbrücke vom Typ l war auch noch da.

Am 24. Juni, um 5:30 UT dann die nächste Beobachtung: Die Zahl der Einzelflecke in der H-Gruppe hatte auf 8 abgenommen, dafür aber die Lichtbrücke die nächste Stufe m erklommen. Deutlich sichtbar reichte sie nun von der einen inneren Seite der Penumbra über die Umbra bis zur nächsten Penumbra. Am 25.6., 5:20 UT, lag die Zahl der Flecken bei 5 und die Lichtbrücke schien wieder abgenommen zu haben und war als l einzustufen. Möglicherweise war das aber nicht korrekt, hervorgerufen vor allem durch das Seeing, das mit einer Ruhe und einer Schärfe von jeweils 3 eigentlich gar nicht mal so schlecht war. Schon am 26.6. war wieder eindeutig der Lichtbrückentyp m bei 4 Einzelflecken in der H-Gruppe auszumachen. Ob sich die Lichtbrücke wieder zurück, und dann erneut weiterentwickelt hat, könnte nur durch Zeichnungen und Fotos ermittelt werden.

Am 27. Juni dann die eigentliche, kleine Sensation: Die Umbra der H-Gruppe hatte sich durch die Lichtbrücke geteilt, alle Flecken außerhalb der Penumbra waren verschwunden. Außerdem hatte sich die Lichtbrücke völlig aufgelöst und ist in die normale Fleckenstruktur übergegangen. Erkennbar war dies daran, dass sich die Helligkeit der ehemaligen Lichtbrücke der der Penumbra angepasst hatte. Am folgenden Tag, dem 28. konnte ich wieder nicht beobachten, doch am 29. Juni gelang es mir erneut, um 6:10 UT. Nun gab es plötzlich zwei Lichtbrücken vom Typ l, die sich an den Übergangspunkten zwischen der wieder vollständigen Umbra zur Penumbra auf Höhe der alten Lichtbrücke genau gegenüber standen. Leider wurde danach das Wetter wieder schlecht und weitere Beobachtungen waren mir nicht mehr möglich.

Für die nähere Untersuchung der Sonnenflecken habe ich von Bernd Gährken, Erich Kopowski und Andreas Murner mehrere Aufnahmen erhalten, wofür ich mich erst einmal an dieser Stelle recht herzlich bedanken möchte. Die Bilder zeigen sehr schön die Entwicklung der Lichtbrücke, die zuerst eine wirre Struktur aufwies und vom Rand der Penumbra in die Umbra übergriff. Das stabilisierte sich dann. Bereits auf den Photos vom 23. Juni ist eine leichte Ausbeulung der Penumbra auf der der Lichtbrücke genau gegenüber liegenden Seite der Umbra zu erkennen, die in den folgenden Tagen immer ausgeprägter wurde. Ab 25. gab es eine mehr oder weniger lose Verbindung zwischen beiden Lichtbrücken, die sich dann aber nach dem 28. wieder auflöste, sodass nur ein kleiner Rest einen Tag später noch beobachtet werden konnte.

Was sich hier schön zeigt, ist der Unterschied zwischen fotografischer und visueller Beobachtung. Visuell hatte beispielsweise die Lichtbrücke am 27. Juni scheinbar die „Färbung“ der Umbra angenommen, auf den Fotos sieht das aber anders aus, zwar war die Helligkeit der Lichtbrücke geringer geworden, dass sie aber zu einer festen Struktur des Flecks wurde, stimmt offenbar so nicht. Der Effekt wurde wohl hauptsächlich auch durch die geringe Öffnung meines 80/400er Refraktor, sicher aber auch durch das Seeing vorgetäuscht.

Alles in allem zeigt dieses Beispiel, wie wichtig es ist, interessante Fleckengruppen über einen längeren Zeitraum hinweg kontinuierlich zu beobachten und zu fotografieren, und beides dann zusammen zu fügen!

Quelle:
(1) Internet: gopher://solar.sec.noaa.gov/00/forecasts/SRS

Manfred Holl, Friedrich-Ebert-Damm 12a, 22049 Hamburg, Email: m.holl@t-online.de
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Letzte Änderung:  2002-09-13 11:21