von Thomas Wolf
„Schon wieder eine Sonne-Tagung, das ist doch jedes Jahr
das Gleiche“, möchte man meinen. Aber diese Versammlung der astronomischen
Art ist nie gleich, schon allein deswegen, da sie jedes Jahr an anderen Orten
Deutschlands stattfindet und nicht zuletzt, weil auch die Erkenntnisse um unser
Zentralgestirn ständig wachsen. Doch etwas Besonderes sollte die 26. Sonne-Tagung,
die vom 9. bis 12. Mai in Bollmannsruh bei Berlin stattfand, beinhalten, denn
es war das 25jährige Jubiläum des Mitteilungsblattes SONNE.
Auch wenn sich am Donnerstag, dem Tag der Anreise, eine freudige Stimmung breit
machte und das Programm gelockert verlief, so war davon zunächst nur wenig
zu spüren. Bereits während des gesamten Nachmittags beriet sich die
Redaktion intensiv über Finanzen, sowie deren endgültiger Übergabe
und anderen Problemen, wie der Nachwuchsförderung in diesem Fachgebiet.
Die Temperaturen besserten sich zum Abend hin, als die Tagung dann mit einem
Reisebericht aus der Slowakei und Ungarn eröffnet wurde. Michael Delfs
und Martin Dillig besuchten dort die Sonnenobservatorien und Sternwartenanlagen
im Jahre 2001. Ihr Weg führte sie dabei nach Hurbanovo, Debrecen und Gyula.
Mit detailreichen Einblicken auf Technik und Geschichte präsentierten sie
ihre gewonnenen Erfahrungen. Eigentlich sollte nun der beschauliche Teil am
See oder im Freizeitraum den Tag ausklingen lassen, doch eine Überraschung
sorgte für weitere Begeisterung. Der Leiter der VdS-Sternwarte Kirchheim
Jürgen Schulze betrat den Raum und bedankte sich unter anderem bei den
Autoren des „Handbuch für Sonnenbeobachter“ für den zur
Verfügung gestellten DayStar-Filter und sprach eine Einladung zur Beobachtung
damit aus. Leider war er für die weitere Tagung verhindert. Auch für
alle anderen Teilnehmer blieb nach ausdauernden Gesprächen im Freien nur
die Flucht in Räumlichkeiten, wo sich die Schar von Stechmücken begrenzte.
Verlief der Donnerstag noch relativ ruhig, so sorgte am Freitag ein volles Programm
und Sonnenschein dafür, dass keine Langeweile aufkam. Bereits am Morgen
erfolgten zwei Berichte über die Erlebnisse von der Totalen Sonnenfinsternis
2001. Dr. Wolfgang Strickling war mehrere Tage in Simbabwe unterwegs gewesen
ist, so dass er nicht nur den dortigen Himmel, sondern auch Land und Leute kennen
lernte. Das bei der Sonnenfinsternis entstandene Videomaterial zeigte wie moderne
Amateurtechnik wertvolle Details wie die „Fliegenden Schatten“ einfängt.
Eine andere Strategie hatte Thomas Grünberger verfolgt. Die gesamte Reise
von Dresden mit dem Zug über Wien nach Sambia mit einem Charterflug und
wieder zurück dauerte bei ihm gerade einmal 30 Stunden! Mit den gewonnen
Dias zeigte er, dass sich die Strapazen gelohnt hatten, aber das Tragen von
zig Kilogramm Astrogepäck im Eiltempo durch Menschenmassen alles andere
als angenehm ist. Einen kleinen Wink auf die Bedeutung der Tagung gab Dr. Otto
Vogt. Er ließ 32 Jahre Sonnenfleckenposition passieren, in denen er von
den Anfängen, den Tücken, Problemen und Erfolgen zu erzählen
wusste. Dabei vergaß er auch nicht das Jahr 1985, in dem kurzzeitig die
Gruppe um ihn gezwungen war, die Arbeiten einzustellen. Nach einer kurzen Erholungspause
folgte die Auswertung der Relativzahlen mit der Schwerpunktfrage nach einem
zweiten, vielleicht höheren Maximum und die Bestätigung durch Ergebnisse
der Lichtbrückenbeobachtung. Den Vormittag rundete in bekannter und liebgewonnener
Art ein Videoschnitt von Anke Hamann und Manfred Heinrich über die Sonne
in verschiedensten Spektralbereichen des verstrichenen Jahres ab. In schweißtreibender
Hitze ging es dann per Bus nach Rathenow, wo gerade eine ausführliche Ausstellung
über die dortige Entwicklung der optischen Industrie und damit ein wichtiges
Gebiet der Astronomie zu sehen war. Natürlich fehlte auch nicht die Besichtigung
des weltgrößten Brachymedialfernrohres, welches nicht weit entfernt
stand. Mit einer Brennweite von immerhin 20,8m mutete diese Konstruktion gewaltig
an, auch wenn die Beobachtungskabine bei drei Mann schon recht eng wurde. Nach
dieser anstrengenden Exkursion ging es nonstop weiter. In erfrischender Weise
zeigte Daniel Fischer im Bild die Besonderheit auf, für die es sich lohnt,
eine ringförmige Finsternis anderen Ereignissen vorzuziehen. Doch Protuberanzen
sind auch mit künstlichen Mitteln zu beobachten und auch dem Amateur öffnet
sich dafür ein weites Feld. Aus diesem Grunde erläuterte Dr.-Ing.
Richard Robitschek, wie die moderne CCD-Astronomie es jedem ermöglicht,
auf einfache, doch bestechende Weise feine Strukturen in diesen Masseauswürfen
aufzunehmen. Eine andere Art der Sonnenbeobachtung, die Spektroskopie, brachte
Dr. Michael Steffen in Kurzform nahe und erklärte einige grundlegende Ergebnisse
zum Verständnis der Vorgänge auf der Sonne, die daraus gewonnen werden.
Dann folgten auch schon am Abend die Fachvorträge durch Ivan Dorotovic
aus der Slowakei. Im ersten, englischsprachigen behandelte er das Thema der
Plasmaströmungen auf der Sonne und deren Erkennung mittels Spektralanalyse.
Der Zweite beschäftigte sich mit den Geschehnissen um Poren, wobei Einblicke
in neueste Entdeckungen gewährt wurden. Damit war der Abend allerdings
noch lange nicht zu Ende. Ein Videoschnitt aus den 50igern über Protuberanzen,
präsentiert von Peter Völker, sorgte für Gedanken an vergangene
Höhepunkte. Da überraschende Nachfrage bei der Lichtbrückenbeobachtung
bestand, die immer noch mit der geringen Zahl an aktiven Beobachtern zu kämpfen
hat, wurde anschließend kurzerhand noch ein Workshop dazu zusammengestellt.
Wer gerne mithelfen möchte, wende sich bitte an Heiko Bromme (hbromme@meag.com).
Auch der Samstag versprach neben den zu erwartenden Festlichkeiten ein abwechslungsreiches
Programm. Einige Teilnehmer ließen es nicht einmal nehmen, am frühen
Morgen, als die letzten zu Bett gingen, den Sonnenaufgang vom Beetzsee aus zu
fotografieren und den anbrechenden Tag zu genießen. Ob den SONNEonline-Workshop
oder einen Einführungskurs in die Sonnenbeobachtung zu besuchen, konnte
sich der aussuchen, der rechtzeitig erwacht war. Im Anschluss daran referierte
Wolfgang Lille anstelle eines Besuches der Observatorien auf Teneriffa und La
Palma über eines seiner Fachgebiete, den Bau von Protuberanzenfernrohren
und den daraus resultierenden Aufnahmen. Der Nachmittag leitete dann langsam
das lang erwartete Jubiläum ein. Mit stimmungsvollem Videomaterial von
der Sonnenfinsternis aus Sambia begann Dr. Rainer Beck. Gleich danach wartete
Harald Paleske mit beeindruckenden Videoaufnahmen seines schon vor zwei Jahren
vorgestellten Unigraphen von der Sonnenatmosphäre und -photosphäre.
Lustig wurde es nun bei der Auswertung der Leserumfrage aus SONNE von 2001,
denn seltsamerweise war keiner der gezogenen Gewinner anwesend. Dem folgte ein
humorvoller, sowie wehmütiger Rückblick auf die nun bereits 25 Jahre
des Relativnetzes. Von der Bremer Protokollvorlage, über Lochkarten, bis
hin zur modernen digitalen Archivierung war alles wieder zum Anfassen nahe gebracht.
So offenbarte Klaus Reinsch und später auch andere ihre persönlichen
Rückblicke, Erinnerungen und Gedanken der Runde, bevor dann Peter Völker
die vergangenen Tagungen und den Erfolgsweg von SONNE im Video noch einmal vorübergehen
ließ. Den Abschluss bildete Prof. Dr. Wolfgang Mattig, der Historisches
zur professionellen Sonnenphysik und noch weit davor in lockerer Atmosphäre
aufdeckte. Und dann war es endlich so weit! Die Party konnte steigen! Ein Fest
mit Musikband, herzzerreißenden Lachern, liebevollen Würdigungen
ehemaliger und zukünftiger Helfer und Glückwünsche des VdS-Vorstandes.
Was gab es nicht alles aus so vielen Jahren zu erzählen und bedanken, zu
wünschen und zu hoffen. Als dann schließlich Peter Völker im
Jubelrausch als Rockstar auf die Bühne trat und in die Gitarrensaiten griff,
war wohl jedem klar, dass seine Nachfolger eine verantwortungsvolle Arbeit und
einen anstrengenden Weg vor sich haben, wenn sie mit seinem Elan das Werk fortführen
möchten. Aber niemand hegt Zweifel, dass junges Blut frische Kraft mit
sich bringt. Beschwingt von den Rhythmen tanzten die Gespräche und Gedanken
durch die Zeit und die Nacht, machten sie denkwürdig. Es war eine Feier,
welche die Leistungen ehrte und eine positive Zukunft versprach. Selbst der,
der nur einen Teil dieser Jahre erlebt hatte, konnte die Freude und Zugehörigkeit
zu den Personen, aber auch ihrer Arbeit, ihrem Hobby, ihren Träumen empfinden.
Wer dies selbst erfahren möchte, sei eingeladen, wenn es zum nächsten
Mal „Sonne-Tagung“ heißt, dann in Bremen mit dem Höhepunkt
einer partiellen Sonnenfinsternis.
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Letzte Änderung: 2002-09-13 11:11 |